Freitag, 27. Februar 2009

Kleiner Strassenumfrage-Guide

Als Schreiberling, der ab und zu Coiffeursalons eröffnen und den nächsten Mister-St.-Gallen-Nordwest-Kandidaten darf, ist mir seit heute auch ein weiteres Genre lokaljournalistischer Blattfüllerei nicht mehr unbekannt: Die Strassenumfrage. Ganz genau, dieses scheinrepräsentative dem-Volk-aufs-Maul-schauen.

Ich habe mich also heute, bewaffnet mit einem Fotografen, auf die Strasse gewagt. Und mir während der Datenerhebung einige Gedanken gemacht, wie so eine Umfrage am geschmeidigsten gestaltet werden kann. Also:
  1. Das Thema: Im Vorfeld so wählen werden, dass Ruedi in der Langgasse und Rita in der Marktgasse mit Sicherheit etwas dazu zu sagen haben. Schlecht: Das Frühwerk von Pablo Picasso oder das späte Schaffen von Jean-Luc Godard. Gut: Alkohol, die heutige Jugend oder – wie heute – Ladenöffnungszeiten.
  2. Leute ansprechen: Hier kann man sich einiges von den Fuss-in-der-Tür-Taktik geschulten Hilfswerk-Fundraisern abschauen. Einstieg am besten unverbindlich oder mit einer Frage, die man nur mit "Ja" beantworten kann ("händ si es Herz für behinderti Chind?). Es hat sich heute gezeigt, dass der unverbindliche Einstieg sich am besten eignet: "Grüezi, dörf ich si öppis zu dä Ladeöffnigszite in St. Galle froge?"
    Meistens merkt man schon in den ersten Sekunden, ob das was wird. Viele Menschen zeigen sich erfreut, fragt man sie nach ihrer Meinung. (Ein älterer Herr jedoch meinte, das sei doch "alles Seich", die Journalisten sollten sich besser "um Wichtigs" kümmere und bei diesen Umfragen komme doch eh nur "Seich" raus. Ich habe ihm gleich eine Kolumne anbieten wollen.)
  3. Gesprächsgestaltung: Am Anfang kurz das Thema zusammenfassen und die unterschiedlichen Positionen, die man einnehmen kann. Dann reden lassen. Eher unauffällig mitschreiben, die Leute in ihrem Gedankengang unterstützen. Am Schluss zusammenfassen, was man jetzt notiert hat.
  4. Demografische Daten: Vorname, Name, Wohnort, Beruf sind meistens problemlos. Wenn die Partizipanden nicht mit dem Alter rausrücken wollen: Schätzen. Junge zu alt, Ältere viel zu jung. Korrigiert wird dann immer.
  5. Der Fotograf: Soll während des Gesprächs eher etwas abseits stehen. Gegen Ende des Gesprächs dann die Bitte um ein ganz kleines Foto, inmitten von vielen anderen. Getreu der "sunk-cost"-Theorie werden die wenigsten jetzt noch ein Foto ablehnen. Das sieht anders aus, wenn man bereits zu Beginn mit dem Fotowunsch hervorprescht.
  6. Sonstiges: Zigarette ausmachen, keine Mütze tragen, den Leuten nicht den Weg versperren (Fluchtreflex!).

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