Grüezi. Wie gewohnt beginne ich hier mit dem Status Quo. Wir befinden uns in Macedonia, total im Schilf, irgendwo nach Cleveland, Ohio, in einem Days Inn für 50 Dollar die Nacht. Morgen gehts dann bis vor die Pforten von New York City, wir sind hier also nur auf der Durchreise. Eben gerade hab ich mir im nahegelegenen Einkaufsfdorf (eine Wohnung habe ich da jedenfalls nicht gesehen) drei Adidas Orginals T-Shirts geleistet, für je 6 Dollar 99. Alles leicht surreal heute Abend. Erst sind wir über den Highway zu diesem Dings spaziert, unter Einsatz unserer beider Leben, und danach über Parkplätze geschritten, deren Ausmasse locker die eines kleinen Schweizer Dorfs erreichen. In Applebee's einen fruchtigen Salat gegessen, jetzt gehts mir für einmal nach dem Essen richtig prächtig. Wichtige Regel: Niemals das grösste Angebot nehmen und damit rechnen, dass auch das mittelgrosse einen bis an den Anschlag auffüllt.
À propos Auffüllung. In Chicago, wo wir noch gestern waren, teilten Roman und ich uns eine lokale Spezialität, Grösse Medium – eine «Deep Dish»-Pizza. Auf diese Erfindung sind sie sehr stolz, die Menschen in Chicago. Nüchtern betrachtet ist eine Deep-Dish-Pizza aber nichts anders als eine amerikanisierte italienische Pizza. Heisst: Dicker, aber leckerer Teig, viel Belag, gigantöser Rand. Lecker durchaus, sogar sehr, aber mit den Brennwerten eines schönen Stabs Uran.
Aber sonst, Chicago, Wahnsinn. Grossartige Stadt, supergeile Innenstadt, direkt am Lake Michigan (Süsswasser!), Sandstrand, schöne Parks, nette Menschen. Ich habe so viele hübsche Fotos hier, muss gerade mal ein schönes auswählen. Ah, hier ist der Blick vom Navy Pier auf die nördliche Innenstadt.
Rechts vorne, das schwarze, sich gegen oben verjüngende Gebäude ist der John Hancock Tower. Da waren wir oben. Nein, nicht auf dem Sears Tower, weil uns der Lonely Planet nahelegte, den Big John zu erklimmen, und wir tun alles, was der Lonely Planet uns sagt. Innert 40 Sekunden gings mit 20 Meilen pro Stunde auf über 300 Meter. Die Aussicht war dann schlicht atemberaubend. Exempli gratia:
Der «Multimedia-Guide» auf dem Tower belehrte uns über Chicago: Zum Beispiel färbt die Stadt jedes Jahr zu St. Patricks Day den Chicago River grün. Die Fliessrichtung desselben wurde zudem irgendwann in einer ingenieurtechnischen Meisterleistung umgedreht, da zu viel Mist in den Lake Michigan gelangte und damit die Trinkwasserversorgung der Stadt in Gefahr geriet. Mittlerweile ist der Lake Michigan einer der saubersten Binnengewässer der Welt und hält zusammen mit den anderen Great Lakes 20 Prozent der Trinkwasservorräte der Welt.
Mehr Bilder der Aussicht und von Chicago gibts dann anderswo im Internetz. Wir also weiter durch die Stadt, mit offenen Mündern und zunehmender Nackenstarre vom Hochschauen. So sieht das dann von unten aus (links oben übrigens der Sears Tower, das höchste Gebäude in Nordamerika).
Und schliesslich noch die lustige «Silver Bean», in der sich jeder Chicago-Tourist mindestens einmal gespiegelt fotografiert.
Abends strichen wir dann jeweils nassforsch um die Häuser. Am Freitag trafen wir Tony, einen spassigen, wenn auch schon leicht angeschickerten Local, der uns erklärte, dass wir uns gerade im «Viagra Triangle» befänden: Alte Männer auf der Suche nach junge Frauen und alte Frauen auf der Suche nach jungen Männern. Ausserdem sei das Cedar Hotel, in dem wir unseren Abend nach einigen Drinks im günstigen und zentral gelegenen Ohio House Motel fortsetzten, für Menschen ohne richtig viel Asche ohnehin nicht der richtige Platz, um nette Menschen kennen zu lernen.
Tony nahm uns also mit in einen Club, in dem wir zwar keinen Penny zahlen mussten für Bier aus dem Schlauch und weitere pubertäre Spiele, der aber bis auf uns komplett leer war. Tony verliess uns kognitiv zunehmend und wir liessen den Abend in der Division Street auslaufen, wo wir zwei Schweizerinnen trafen, die US-Städtehopping per Flugzeug betreiben, also eigentlich das Gegenteil von uns. Sie liessen sich von unserer Vorgehensweise aber nicht überzeugen. Also Taxi, Hotel, schlafen.
Break, Rückblende. Nach dem etwas enttäuschenden Memphis lupfte St Louis auf dem Weg nach Chicago unsere Stimmung wieder. Erstes Highlight: Der Gateway Arch des finnischen Architekten Eero Saarinnen; ein 192 Meter grosser Bogen direkt am Mississippi, der die Bedeutung von St Louis in der Besiedelung des amerikanischen Westens herausstreichen soll.
Auch neben diesem halben McDonalds-«M» ist St Louis eine freundliche Stadt: Baseballbegeistert, fragmentiert in ganz unterschiedliche Quartiere und mit einer zentralen Grünfläche, grösser als der Central Park in New York. Überall war das Bestreben spürbar, die Stadtflucht der letzten sechzig Jahre aufzuhalten, im Zuge derer sich die Bevölkerung in der eigentlichen Stadt fast halbiert hat. Die neusten demografischen Zahlen zeigen denn auch, dass wieder mehr Leute in die Stadt ziehen. Kein Wunder, bei zauberhaften Quartieren wie dem universitär dominierten «Loop» oder «The Hill» (letzteres in folgendem Bild).
Was noch? Ach, wir waren noch Pedalofahren und in der Anheuser-Busch-Brauerei, die pro Jahr gemäss Romans Gedächtnis 15.8 Millionen Barrel Bier produziert. Top.
Von Memphis habe ich ja noch kaum berichtet, ausser von unserer eher zweilichtigen Begegnung mit Big T und Big Robin. Am Tag danach haben wir die Sun Studios besucht, das einiges an Legendenschwere mit sich schleppt. Mittlerweile ist es nicht mehr so richtig in Betrieb, obwohl man noch Night Sessions buchen kann in der alten Garage, wo unter anderem Elvis Presley, Johnny Cash, Jerry Lee Lewis, Carl Perkins, Roy Orbison und andere Legenden aufgenommen haben.
Roman hat mich vor dem Mikrofon erwischt, in das alle der erwähnten Herrschaften schon reingerotzt haben. Erhabenes Gefühl, leicht verschwommen eingefangen.
Man spürt in Memphis aber, dass es eine «struggling» City ist. So viele homeless people, viele Geschäfte sind ausgezogen, in Einkaufszentren ist höchstens die Hälfte der Läden offen, die Stadt wirkt an vielen Stellen ausgestorben, fast schon unheimlich.
Und nun hier, Macedonia, etwa sechs Stunden noch nach New York. 2500 Meilen zurückgelegt, mindestens noch so viel vor uns. Es ist ein unglaubliches Land, aus dem ich gerne noch mehr Seitenlanges berichte. Machts gut, ihr alle, ich freue mich auf ein Wiedersehen. But not yet.
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Check.
AntwortenLöschenhei mathias
AntwortenLöschensuper gut geschrieben und schöne bilder. freue mich, bald mehr zu lesen, freue mich aber auch auf whatsapp-lebenszeichen.
grüess ma